Samstag, 3. Juni 2017

Der Arzneischrank meiner Großmutter und kuriose Heilmittel


Im Arzneischrank meiner Großmutter waren ganzjährig Dinge zu finden, die ich Großteils auch heute noch als Hausmittel verwende:
Arnikablütenblätter in Schnaps angesetzt
Johanniskrautknospen in Öl angesetzt
Ringelblumensalbe aus Schweineschmalz
Steinölzugsalbe aus Tirol (von der Verwandtschaft in Schwaz)
schwarze
Pechsalbe für die Gelenke (vom Huber in Tiffen)
getrocknetes Wermutkraut für die Galle
Kohle gegen Vergiftungen
Augentrost, Kamille, Schwedenbitter und Franzbranntwein. Dazu noch Pflaster und eine elastische Mullbinde, ein Fingerling und eine Schale für Augenbäder.

Die restlichen Mittel waren in der Küche und im Garten vorhanden. Wenn ich zum Beispiel mit dem Fahrrad schnell unterwegs war und mit den Knien bremsen musste, wusste ich im Garten die fette Henne zu finden. Ich nahm ein Blatt und zog vorsichtig die Haut vom Blatt, wie es mir meine Großmutter gezeigt hatte. Das ist eine knifflige Angelegenheit, bei der ich schon oft den Schmerz vergaß. Die sterile und feuchte Stelle des Blattes diente dann als heilsame Wundauflage. Ich verwende es noch heute.

Im Sommer bei der Gartenarbeit war der sogenannte Fingerwurm sehr häufig. So wurde ein geschwollener eitrig pochender Finger, an dem der Eiter wie ein Wurm zu sehen war, genannt. Zur Behandlung wurde ein Topf Wasser aufgestellt und zum Kochen gebracht. Der Finger wurde an der entzückendsten Stelle mit einer spitzen Nadel, die zuvor erhitzt (sterilisiert) wurde angestochen und danach musst man den Finger sieben Mal in das kochende Wasser tauchen, solange man es aushalten konnte.

Quecksilber wurde lange Zeit in Thermometern und Fiebermessern verwendet. Auch um Gold aus geringeren Erzen zu scheiden, war es notwendig. Das giftige Blei wurde nicht nur als Gewicht gebraucht, es fand in der Medizin als Minium (Bleiweiß) bei Wundsalben seine Verwendung. Wer keine Hühnereier hatte, verrieb Kalkstein um seine Knochen zu stärken, Schwefel half gegen eitrige Wunden und Für die Verdauungsorgane. Der Lehm kühlte Entzündungen und Glimmer wurde mit Fett verrührt und wurde als das erste Sonnenschutzmittel bei der Arbeit am Feld aufgetragen. Jeder nahm das Mittel, das in der Region verfügbar war.

Das Mädesüß trägt seinen Namen durch die Verwendung bei der Feldarbeit. Die Bauern nahmen einen Behälter mit Wasser mit zur Mäharbeit. Zur Zeit der ersten Mahd beginnt die Blütezeit dieser Salicylsäurehaltigen Pflanze. Die Blüten wurden in das Wasser gegeben und zur Mittagspause hatte man eine erfrischende, leicht schmerzstillende und schweißtreibende Limonade. Meine Urgroßtante Resi schlief auf Türkenfedern (Hüllblätter der Maiskolben) und Farnblättern. Der Farn wehrte Ungeziefer ab und die Türkenfedern halfen bei Gelenksschmerzen. Die Matratze, die nur aus einem handgenähten, großen Leinentuch bestand, wurde jeden Sommer neu befüllt. Freilich war es auch billiger als Rosshaarmatratzen.

Eine Besonderheit war ihr Hustenmittel. Sie sammelte gewaschene Nacktschnecken in einem Glas und streute Kristallzucker darauf. Die Schnecken lösten sich im Zucker auf und oben am Glas begann sich weißer feiner Schaum zu bilden. Sie schöpfte nur diesen Schaum ab und bewahrte ihn in einem Glas als Hustenmittel auf.

Es gibt noch verschiedene Apotheken, die solche Hustensäfte verkaufen, doch ich habe gehört, dass meist der gesamte Schneckenschleim zu Sirup verarbeitet wird.

Zog man sich bei der Gartenarbeit einen Spieß ein, strich man einfach ein Stück Harz auf die Stelle, der Splitter kam meist gleich heraus.

Bei Kopfschmerzen legte man rohe Kartoffelscheiben auf die Stirn. Wenn sie schwarz wurden, war der Kopfschmerz raus gezogen. Sie wurden immer schwarz!

Bei starken Erkältungen und Husten wurden Krenbetln um den Hals gebunden. Dazu wurde von einer Krenwurzel Scheiben abgeschnitten und auf Spagat aufgefädelt. Meine Großmutter band mir immer neun Scheiberl um. Gegen Gelbsucht hängte man gelbe Tücher um den Hals und neben das Bett. Gleiches mit Gleichem zu heilen war ein wichtiges Merkmal der Volksheilkunde. Man hat mir erzählt, das früher Berberitzenrinde in Alkohol eingelegt wurde, die darin ihre gelbe Farbe auflöste. Zur Verstärkung wurde oft noch ein kleines Stück Leinen gestopft, um die gelbe Farbe deutlich zu machen. Das Fläschchen wurde mit einem Korken verschlossen und kopfüber neben dem Bett des Kranken aufgehängt. Der Alkohol verdunstete langsam und der Patient genas mit der Information: „So wie in diesem Glas immer weniger wird, so wird auch die Gelbsucht in deinem Körper weniger.“

Zwiebelumschläge halfen bei Husten und Bronchitis, Topfenumschläge bei Schwellung und Entzündung, Essigpatscherl, wenn das Fieber zu hoch war. Es war früher auch noch üblich den Saft der grünen Mohnkapseln gegen Schmerzen zu verwenden. Manchmal hörte man von Kindern, die mit einem Mohnzutz beruhigt wurden. Ein gefährliches Unterfangen. Die häufigeren Varianten waren, den Zutz in Bier, Schnaps oder Zucker zu tunken. Bitte nicht nachmachen!

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