Samstag, 13. Mai 2017

Brandzeichen

Sterben Frauen anders?

Eine Lesung brachte alte Erinnerungen hoch. Der humorvolle Text der Autorin weckte düstere Bilder und nagte an den Synapsen, bis die Hand zum Stift griff und diese Frage zu Papier brachte: Sterben Frauen anders?

In Krimis äußern sich Profiler zu männlichen und weiblichen Tötungsarten: Frauen bevorzugen
Gifte, weniger Brutalitäten, weniger Qual – auch sich selbst gegenüber.
Die Autorin der Lesung aber sprach von „sich Verbrennen und Verätzen“ und ein Teil der Zuhörerschaft war verwundert.
Ich habe diese Selbsttötungen als Kind selbst erlebt.

Eine Nachbarin litt an Brustkrebs. Sie müsste damals in den 40ern gewesen sein. Von den Behandlungen und dergleichen bekam ich nichts mit. Wohl aber vom entsetzten Getuschel der Leute in unserem Viertel.
Sie hat Säure geschluckt.“

Er hat sie gefunden.“

Sie liegt jetzt im Krankenhaus, alles verätzt.“

Sie war nicht die Einzige, die ihr Leben so beenden wollte. War es in Mode?
War es ein Versuch weg zu ätzen, was einem bis zum Hals steht?
Mit Säure auflösen, was an Bitterkeit Tag für Tag aufstößt und nicht wegzureden ist?
Kriegsgräuel, erlebte oder verschwiegene Leiden, mitgetragene Wunden, die Männer vom Schlachtfeld heimtrugen zu ihren Frauen.
Was kann so ätzend sein, um sich Säure einzuverleiben?
Welch bitteres Leid muss Frau schon ertragen haben, um sich für diese Art der Selbsttötung zu entscheiden. Denn der Tod kommt nicht gleich. Er fährt durch die Kehle, löst in schmerzvollen Brausen den Rachen, zischt durch den Schlund und jagt sengende Schmerzen durch Mark und Pein.
Spürt sie diesen Schmerz noch, wenn das Schicksal sie zu dieser Art zu sterben versucht?
Diese Frau überlebte als Pflegefall einige Monate. Wieder zu Hause und für ein paar Stunden allein, zog sie sich sargfertig an, stellte einen Eimer neben das Bett und schnitt sich die Pulsadern auf. Sorgsam bedacht, das kein Tropfen Blut das Bett und den Boden befleckte.
Sind wir PUTZfrauen? - Seelenputzer?

Ätzen wir Sünden und Schmerzen hinweg, Sündenfresser, wie unsere keltischen Vorfahren, um der Nachwelt nur saubere Erinnerungen zu hinterlassen?
Was brennt sauberer, Säure oder Feuer?

Sie hieß wie ich und ich weiß noch, dass ich damals meinen Vornamen ändern wollte, so tief brannte sich ihr Tod in mein Bewusstsein.

Das zierliche Weiblein war regelmäßig zu Besuch bei meiner Großtante. Ich mochte sie, hatte aber keine Beziehung zu ihr. Kinder hatten damals ruhig und unsichtbar zu sein und ich genoss dieses Kind sein, um zu beobachten und hin zu spüren.

Nun, sie war nicht sonderlich fröhlich, aber auch keines dieser Bet- und Klageweiber, die es zu Genüge gab. Hinterher betrachtet denke ich, sie kam so oft zu meiner Großtante, weil diese selbst schon eine Säureattacke gegen sich und ihre Speiseröhre gerichtet hatte.

Vertraute Seelen.

Jedenfalls war die Nachricht, das Weiblein hätte sich verbrannt, ein sengend heißer Schauer auf mein kindliches Gemüt. Während die Erwachsen sich ihren Informationen hingaben – wie sie ihre persönlichen Sachen in den Garten getragen hatte, Benzin darüber geleert hatte, sich selbst damit begossen und anschließen auf den Haufen gelegt und angezündet hatte – sah ich den Scheiterhaufen, die Flammen vor mir. Ich hörte das Ächzen des brennenden Fleisches und schmeckte den üblen Geruch verbrannter Haut. Aus gelesenen Geschichten und Erfahrungen ärmlichen Dorflebens bildete mein Bewusstsein diese Bilder einer freiwilligen Hexenverbrennung.
Was kann eine solch zierliche Frau so Schreckliches in sich tragen, dass es nur durch Flammen gereinigt werden kann?

Meine Großtante war stark. Nach ihrem Säureschluck lag sie lang in der Klinik. Nur ihre Speiseröhre und ihr Magen wurden geschwächt. Sie musste für den Rest ihres Lebens viele Tabletten nehmen. Damit praktizierte sie ein Ritual – eine Show für alle.

Vor jedem Essen setzte sie sich zum Tisch, zog ihre Pillen aus der Tischschublade, zerklopfte sie sorgfältig mit einem Hammer, nahm ihren Suppenlöffel und kratzte damit fein säuberlich das Pulver vom Brett, um es sich mit einem Schluck Bier demonstrativ einzuverleiben.
Sie wurde über 90 Jahre alt.

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