Montag, 10. April 2017

Das Maibachl


Als ich klein war und die Winter noch schneereich, rann das Maibachl regelmäßig im Frühling. Zur Zeit der Schneeschmelze, wenn der Jauk über den Dobratsch blies, dauerte es nicht mehr lange und der kleine Tumpf im Wald füllte sich mit warmen Wasser. Damals hatten maximal zwölf Leute darin Platz. Alle saßen rund um das Loch, das das sprudelnde Wasser mit Hilfe des Sandes aus dem Felsen gewaschen hatte.
 
Die Füße in dieser Aushöhlung, saß man ruhig plaudernd 20 Minuten im warmen Tumpf. Wer neu dazu kam, wartete geduldig, bis einer das Heilbad verließ, um dann den freien Platz einzunehmen. Das Maibachl war die Kur für die arme Bevölkerung. Es gehörte damals noch den umliegenden Bauern und war nur unter Einheimischen bekannt.

Sobald die Kunde laut wurde: „Das Maibachl rinnt.“ ging Mutti mit mir jeden Tag um 6 Uhr morgens los. Etwa eine Stunde marschierten wir von zu Hause nach Warmbad. Dort legte sie Zeitungspapier zum Draufstehen auf den Boden, nahm einen Frotteeumhang als Umkleide aus der Badetasche und zog sich um. Man kannte sich und so wurden alle Ereignisse des vergangenen Winters ausgetauscht und diskutiert.

Kinder durften nur baden, wenn auch der obere Tumpf mit Wasser gefüllt war. Wenn nicht, durfte ich in der Wartezeit am dahinterliegenden Felsen herum klettern.

Nach dem Bad gingen wir wieder nach Hause, nicht ohne vorher eine Flasche mit dem Wasser bei der oberen Augenquelle abzufüllen, die heute längst unter dem breiteren Weg verschwand.

Drei Wochen lang dauerte die Kur meiner Großmutter meist, außer, das Bachl versickerte früher. Meist aber rann es länger, doch sie hielt sich an die übliche Kurdauer.

Selten floss auch der sogenannte Hungerbach und überschwemmte schon den Zugang zur Heilquelle. Der Name Hungerbach stammt noch aus der Zeit, bevor die Drau in Villach gebändigt wurde. Wenn es durch starke Regenfälle oder plötzliche Schneeschmelze zu Hochwasser kam, brachen in der Umgebung Notzeiten an. Bei diesen Wetterlagen sprudelte auch der Hungerbach und kündete davon.

Heute ist das Wasser der Drau reguliert und das Becken des Maibachl immens erweitert, um vielen Badenden Platz zu bieten. Schön gedacht, aber das Wasser erneuert sich nicht so schnell und durch die große Oberfläche kühlt es auch schneller ab. Ja, jedes Ding hat zwei Seiten!

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