Montag, 20. März 2017

Das Tuch


Es war einmal ein kleines Mädchen, das lebte fern von hier in einem fremden Land. Seine Eltern hatten am Dorfrand ein kleines Häuschen mit einem kleinen Garten und einem Ställchen mit Ziegen und Hühnern dazu. So hatten sie ein bescheidenes Auskommen und waren zufrieden.

Eines Tages kamen Fremde in das Dorf. Sie hielten Rast und als man sie bewirtete, erzählten sie, dass sie auf dem Weg sind, in das Land, in dem die Sonne untergeht. Dort, in diesem Land sollen Milch
und Honig fließen und allen Menschen nur wunderbare Dinge widerfahren. Sie malten mit Worten so verheißungsvolle Bilder dieses Landes, dass viele Menschen des Dorfes mitkommen wollten. Die Eltern des Mädchens waren schon zu alt für diese Reise, doch wünschten sie sich für ihr Kind eine bessere Zukunft. Sie baten die Männer, ihre Tochter in ihrer Karawane mitzunehmen. Für ein paar Münzen erklärten sich die Wanderer dazu bereit.

So nahm die Mutter ihr schönstes Tuch, legte Brot, Eier und Käse hinein, gab das letzte Ersparte dazu und band die Ecken zusammen. "Das soll dir den Weg in deine Zukunft erleichtern." meinte die Mutter. "Wenn du dort bist, in diesem Land, wird es dir besser gehen als hier. Du wirst Reichtümer haben, mehr als in diesem Tuch Platz finden können. In Gedanken werden wir dich begleiten und immer bei dir sein. Gott segne dich!"

Sie herzten und küssten sich, das Mädchen nahm ihr Tuch und die Reise begann.

Viele Monde zog die Karawane schon durchs Land. Brot, Eier und Käse waren längst aufgebraucht, doch weit und breit floss keine Milch und kein Honig. Viele Male waren sie der untergehenden Sonne schon so nahe, dass nur ein Berg sie trennte. Wohin sie auch kamen, niemand hatte das wunderbare Land je gesehen, doch immer mehr Menschen schlossen sich ihnen an, um es zu suchen.

Das Mädchen war längst erwachsen geworden und alle Münzen waren verbraucht. Viel hatte es unterwegs gesehen und das Tuch war lange schon leer. So begann es, wenn die Karawane Rast hielt, Geschichten zu erzählen. Es erzählte von seiner Heimat, von seiner Reise und von den Erlebnissen unterwegs. Die Menschen brachten ihm dafür etwas zu essen, teilten das Wasser mit ihm und gewährten ihm Unterkunft. Mit den Monden wurde die Erzählkunst der jungen Frau immer besser und immer mehr Menschen fanden sich am Lagerfeuer ein um ihren Geschichten zu lauschen. Während das Mädchen erzählte, vergaßen die Menschen ihren Alltag und ihre Sorgen. Mit den Geschichten wuchs neue Kraft, Zuversicht und Hoffnung. Das Mädchen malte mit seinen Worten wundervolle Bilder vor den inneren Augen der Lauschenden. Sie tauchten mit ihren Gedanken ein in eine friedliche Zauberwelt - und endlich – endlich - gelangten sie so in das verheißungsvolle Land, wo Milch und Honig flossen.

Das Mädchen spürte die Wünsche und Sehnsüchte seines Publikums und sammelte sich so einen reichen Schatz an Märchen, Geschichten und Legenden. Je mehr es diesen Schatz teilte, desto größer wurde er. So begab es sich und eines Tages nahm das Mädchen das Tuch seiner Mutter, küsste es andächtig und band es um ihr Haar. So erfüllte sich deren Prophezeiung, denn das Mädchen besaß mit seinen Geschichten mehr Reichtümer, als in diesem Tuch Platz finden können.

Wenn ihr es seht, das Mädchen mit dem Tuch, habt keine Angst, geht zu ihr hin und lasst euch erzählen....

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