Montag, 10. Oktober 2016

Schlangenhaut


Schlangenhaut

Draußen am Waldrand, auf den Heidekrautpölstern zwischen den Felsblöcken, schlüpfte einst eine kleine Schlange. Sie war so zart und ihr Schuppenkleid so dünn, dass man ihre zierlichen Wirbel darunter erkennen konnte. Ihre wachen Äuglein blickten klar und neugierig umher und ihr Zünglein leckte wissbegierig in die Luft. Sie konnte es kaum erwarten zu wachsen und befolgte gewissenhaft jeden Rat der großen Schlangen.
Eifrig lernte sie von den Anderen wie man als Schlange zu leben hatte, was man tun muss und wie sich eine Schlange richtig verhält. So wuchs sie heran und jedes Mal, wenn sie etwas größer wurde, juckte und spannte ihre Haut, bis es schließlich unerträglich wurde und sie ihre Haut ganz nach Schlangenart abstreifte. Zwar
wurde sie immer größer, je öfter sie ihr Natternhemd wechselte, doch ihre Haut darunter blieb dünn und blass.
"So leg dich doch auf die Steine in die Sonne." rieten ihr die anderen Schlangen. "Dann bekommst du wenigstens etwas Farbe."
Elaphe legte sich folgsam auf die heißen Steine im Steinbruch, wo die Sonne ihre heißesten Strahlen hin brannte. Doch ihre dünne, blasse Haut vertrug das nicht, sie färbte sich rot und bekam Blasen. Es juckte und brannte und spannte, bis sie ihr Hemd wieder abstreifen musste und darunter eine neue dünne Haut zum Vorschein kam.
"Ach du Mimose." spotteten die Vipern und Ottern. "Geh doch zu den Wasserschlangen, da hast du es kühl und feucht. Das Wasser wird dich wohl nicht jucken."
So schlich Elaphe zu den Ringel- und Würfelnattern, lernte zu schwimmen und fing Fische und Kröten. Doch ihre Haut begann im feuchten Gras zu eitern und die fauligen Hautstellen schmerzten, so dass sie sich an den Schilfhalmen zu schubbern begann. Sie rieb und schrubbte bis ihr die Haut am Kragen platzte und sie sich ihr Hemdchen wieder abstreifen musste.
"So ein empfindlicher blasser Wurm." zischten verächtlich die anderen Schlangen. Täglich spotteten sie, gaben ihr die aber-witzigsten Tipps, damit sie endlich so ein Aussehen bekäme, wie es sich für eine ordentliche Schlange gehört. Doch je mehr sich Elaphe bemühte, desto mehr spannte und juckte ihre Haut. Letztendlich konnte sie ihre Haut gar nicht mehr so oft wechseln und einzelne Schuppen fielen aus ihrem Natternhemd.
Nun war sie nicht nur blass, sondern auch schuppig, voller entzündeter Wunden und nackter Stellen. Elaphe wand sich nur noch herum in ihrer Qual. Sie versteckte sich in dunklen Löchern, um nicht dem Spott der Anderen ausgeliefert zu sein. Ihr blasses Hemdchen schmerzte und ihre einst so strahlenden Äuglein wurden trüb vor Schmerz.
Welch ein Glück für Elaphe, dass sie so versteckt in diesem Loch im Walde lag. Just an diesem Platz, an dem sich einmal im Jahr bei Vollmond alle Feen und Zauberwesen des Waldes trafen. Unbemerkt von ihnen lag Elaphe in ihrem Versteck und lauschte, wie Geschichten und Geheimnisse der Welt ausgetauscht wurden - Geheimnisse, die von normalen Tieren und Menschen nie erfasst werden können. So auch das Geheimnis der empfindsamen Haut.
Diese zarte Haut ist nur besonderen Wesen vorbehalten.“, erzählte eine Elfe den Jüngeren der Zauberwesen.
Durch diese dünne Haut können alle Gedanken und Gefühle der anderen Wesen eindringen. Doch nur Wesen, die stark genug im Geist sind und deren Herz voller Liebe sei, können dieses Hautkleid tragen ohne daran zugrunde zu gehen.“
Auch müssen diese besonderen Wesen erst lernen, ihre eigenen Gefühle innerhalb der Haut, von den Wahrnehmungen außerhalb der Haut zu unterscheiden um so ihren Platz auf der Erde zu finden.
Diese Wesen“, so sprach die Elfe, „sind Zauberwesen, die, wenn man ihnen begegnet, Wunder vollbringen und das Leben verändern können.“
Von weißen Einhörnern und Schlangenköniginnen war da noch die Rede und vielen wundervollen Begegnungen. Doch Elaphe träumte sich schon weit weg in ihre eigene Gedankenwelt.
'Ich bin etwas Besonderes.'
Elaphe horchte und fühlte in sich hinein. Ja genau. Es war nicht ihr Schmerz. Ihr tat es nicht weh, dass sie so blass war. Es waren die anderen Schlangen, denen sie Sorgen bereitete. Es schmerzte nicht, obwohl ihr Hemdchen so dünn war, solange sie sich selbst aussuchte, welchen Weg sie entlang kriechen wollte. Und plötzlich juckte es sie nicht mehr was die Anderen sagten. Sie war etwas Zauberhaftes, ein wunderbares Wesen in einem hellen, zarten Hemdchen.
Und plötzlich juckte es sie nicht mehr.
          

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